Aktualisiert am 23.08.06

by Moni Scharf

Inertio

Nert blinzelte träge ins Sonnenlicht. Er hatte es sich auf einer Parkbank gemütlich gemacht, ein paar Plastiktüten mit allerlei Krimskrams auf der einen Seite und eine mit braunem Packpapier umwickelte Flasche auf der anderen. Seine Kleidung war nicht besonders sauber, aber sie hielt ihn warm, wenn es darauf ankam. Alles in allem bot er das typische Bild eines Penners.
Sein Gesicht war von einem struppigen Vollbart bedeckt, aus dem nur die kleinen, schwarzen Augen hervorstachen. Sie waren auch das Einzige, das nicht zum Bild des betrunkenen Penners passte, da sie ständig in Bewegung waren und jedes Detail seiner Umgebung in sich aufnahmen.
So entging es ihm auch nicht, dass einer seiner Informanten, eine vielleicht 15jährige Ausreißerin, auf ihn zukam. Sie ließ sich ohne große Umstände neben ihm auf die Parkbank plumpsen und betrachtete scheinbar gelangweilt die Umgebung. In Wirklichkeit hielt sie (genau wie Nert) Ausschau nach etwaigen Lauschern. Als sie sicher war, dass sie alleine waren, sagte sie beiläufig: „Ich hab gehört, drunten im Arbeiterviertel hat es heute morgen Krawalle gegeben. Irgendjemand scheint sie aufgestachelt zu haben und sie sind als wütender Mob durch das Villenviertel gezogen und haben ein paar Autos eingedellt und Fenster eingeworfen. Die Polizei hat natürlich hart durchgegriffen und die Revolte ziemlich schnell mit Wasserwerfern und Knüppeln aufgelöst.“ Ihrem Tonfall hörte man an, dass sie keine hohe Meinung von der Polizei und ihren Methoden hatte.
Nert nickte nachdenklich dazu, und als sie sonst nichts mehr zu erzählen hatte, schickte er sie, mit einem Trinkgeld versehen, wieder weg. Sie blieb nicht die einzige, die bei ihm vorbei schaute und ihm erzählte, was so vorgefallen war in der Stadt. So bekam er einen guten Überblick über alle wichtigen Ereignisse. Allerdings war das erst der Anfang.
Gemächlich stand Nert von seiner Bank auf und schlenderte scheinbar ziellos von dannen. In Wirklichkeit hatte er ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen. Aber er wollte ja nicht aus der Rolle fallen. Er war sicher, dass seine Kollegen genau das Gleiche machten wie er und ihn beobachten ließen.
So dauerte es recht lange, bis er sein Ziel erreicht hatte, aber dafür war er sicher, keine Verfolger auf dem Hals zu haben. Allerdings gäbe es für etwaige Verfolger auch nicht viel zu sehen. Nur eine alte verlassene Fabrikhalle, die wohl schon des öfteren Pennern Unterschlupf gewährt hatte. Jedoch schien es nur so. Nert ging sehr sicher, dass sich keine Penner oder Ausreißer hierher verirrten. Zudem war der einzige Zugang verschlossen und verriegelt. Nert versuchte sich auch erst gar nicht am Schloss, sondern machte sich an den Angeln der Tür zu schaffen. Er hatte diese so manipuliert, dass er die Tür mit einem einfachen Kniff auf dieser Seite öffnen konnte. Wenn man diesen Kniff allerdings nicht kannte, konnte man so lange daran herumschrauben wie man wollte, ohne irgendwohin zu kommen.
Nach einem letzten Rundumblick schlüpfte er hinein und schloss die Tür sorgfältig hinter sich. Drinnen sah es genauso aus, wie man es erwartet hätte: Ein großer, leerer Raum, in dem vereinzelte Kistenstapel herumstanden. Auf einen dieser Stapel ging Nert jetzt zielstrebig zu. Er öffnete die Seite einer der Kisten wie eine Tür, und genau das war sie auch. Denn dahinter war nicht das Innere einer Kiste, sondern eine Treppe, die nach unten führte.

Im Keller der Halle empfing ihn emsiges Treiben. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein Großraumbüro. Bis einem auffiel, dass die meisten Personen an den Computern Kinder waren. Doch es gab auch ein paar Erwachsene, und eine davon kam sofort auf Nert zu, als sie ihn sah. Sie drückte ihm einen Stapel Papiere in die Hand. „Die neusten Berichte,“ informierte sie ihn geschäftsmäßig. Nert nahm sie mit einem dankenden Kopfnicken entgegen. „Gibt es sonst noch etwas?“ fragte er.
„Nein, das wäre gerade alles.“ Damit ging sie wieder zurück an ihre Arbeit und Nert zog sich mit den Papieren in sein Büro zurück.
Auf dem Weg dorthin gratulierte er sich selbst, dass er Clarissa gefunden hatte. Sie mochte zwar äußerlich nicht viel hermachen mit ihrem käsigen Teint, den langen fettigen Haaren und den ausgebeulten Klamotten, aber sie war ein Organisationsgenie. Und sie hatte keine Probleme, die Kinder und Jugendlichen im Zaum zu halten.
Die meisten davon waren Ausreißer oder sonstige Straßenkinder, die mit dem Versprechen regelmäßiger warmer Mahlzeiten und einem Dach über dem Kopf hergelockt worden waren. Andere gehörten zu armen Familien, die froh waren, ein Maul weniger stopfen zu müssen. Alles in allem waren es Kinder, die keiner vermissen würde. Weshalb sie auch zu niemandem gehen und sich über die Arbeitsbedingungen beschweren konnten. Obwohl Nert fand, dass sie eigentlich keinen Grund zur Klage hatten. Sie saßen in einem gut klimatisierten Raum und hatten die modernsten Geräte zur Verfügung. Und Daten auszuwerten war jetzt auch wirklich keine körperlich anstrengende Arbeit. Aber Clarissa ging lieber auf Nummer Sicher und hatte ein paar der Jugendlichen als Aufseher abgestellt. Da das eine noch viel einfachere Aufgabe war, ja sogar einen minimalen Lohn einbrachte, war er bei den älteren Kindern heiß begehrt. Das sorgte dafür, dass sie sich gut betrugen, weil sie ansonsten keine Chance darauf hatten. Und das war natürlich genau das, was Clarissa erreichen wollte.

Mit einem zufriedenen Seufzen ließ sich Nert in seinen Bürosessel sinken und wandte sich den Berichten zu. Clarissa hatte die Papiere schon vorsortiert und mit Bemerkungen versehen, welche Vorkommnisse sicher und welche möglicherweise auf seine Kollegen zurückzuführen waren. Zu den Sicheren zählte Willas gestrige Party, die mal wieder unzählige gebrochene Herzen und einige zerbrochene Beziehungen zur Folge haben würde. Ebenso sicher war ein Museumsraub, der eindeutig Varecos Handschrift trug. Invidias Hand wurde hinter ein paar Skandalfotos vermutet, die seit ein paar Tagen die Titelseiten der Klatschblätter zierten und eine Welle der Empörung ausgelöst hatten.
Nert hatte seine Zweifel an der Echtheit der Fotos und machte sich eine Notiz, Nachforschungen darüber anstellen zu lassen. Wenn er einwandfrei beweisen konnte, dass die Fotos manipuliert oder sogar völlig gefälscht waren, hatte er ein gutes Druckmittel gegen Invidia in der Hand. Das würde zwar nur solange vorhalten, wie der Skandal aktuell war, aber danach würde sicher wieder ein neuer kommen, in den Invidia verwickelt war. Und auch wenn sie gerne für Skandale sorgte, konnte sie sich selbst keinen leisten. Das machte es natürlich sehr einfach, sie zu erpressen. Genauso wie Ira und Vareco.
Iras Verbindungen zu den verschiedenen Gruppierungen machten ihn sehr angreifbar. Vor allem wenn man, wie Nert, genau wusste, als wer Ira zu wem gehörte.
Comer war ganz in seine Buchidee vernarrt, aber durch sein schamloses Plagiat leicht zu Fall zu bringen.
Vareco war am einfachsten in Schach zu halten, da so ziemlich alles, was er tat, illegal war. Das genaue Gegenteil war Fiera, bei der er noch nicht einmal genau wusste, was sie eigentlich tat. Und das beunruhigte ihn. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie im Hintergrund nicht etwas größeres am Laufen hatte, aber bis jetzt hatte er noch keinerlei Hinweise darauf gefunden.
Auch bei Willa musste er aufpassen. Er kannte zwar so ziemlich alle pikanten Details über ihr Liebesleben, aber das wusste jeder andere auch, sie machte schließlich kein Geheimnis draus. Gleichzeitig hatte sie aber dafür gesorgt, dass diese Details zwar in aller Munde waren, aber es keine handfesten Beweise dafür gab. So konnte man nie wissen, was jetzt erfunden und was echt war. Und das machte sie fast unangreifbar. Dazu kam noch, dass sie selbst eine Meisterin der Gerüchteküche war und er ihr dort nicht das Wasser reichen konnte. Aber er hatte einige Leute darauf angesetzt ihm Beweise zu beschaffen, und irgendwann würde auch sie einen Fehler machen und dann hatte er sie.

Nachdem er den Bericht durchgearbeitet hatte, fuhr er seinen Computer hoch und schrieb selbst mehrere Berichte über die Vorkommnisse, von denen ihm seine Informanten an diesem Morgen berichtet hatten. Er ließ sich damit soviel Zeit, dass er eine „angemessene“ Verspätung zum Treffen hatte: so ungefähr eine halbe Stunde. Er musste dem Klischee schließlich gerecht werden. Er sagte noch schnell Clarissa Bescheid und machte sich dann in aller Ruhe zu Fuß auf den Weg. Es dauerte trotzdem nicht allzu lange, bis er das Hotel erreicht hatte, da es im gleichen Stadtviertel lag wie sein Unterschlupf. Bei dem Gedanken, dass Fiera dachte, dass sie das Hotel ausgesucht hatte, musste Nert grinsen. Aber woher sollte sie auch wissen, dass er die Informationen, die sie über die verschiedenen Hotels eingeholt hatte, geschickt manipuliert hatte. Und zwar so, dass dieses Hotel die einzig logische Wahl war. Er hatte es sich natürlich wegen ihrer Diskretion und Nähe zu sich ausgesucht. Nicht dass er wirklich faul wäre, aber trotzdem hatte er keine Lust nur wegen dem Treffen zu Fuß durch die halbe Stadt zu wandern.

Kurz vor dem Hotel drehte er noch schnell seinen Mantel um, so dass die saubere Seite nach außen zeigte. Jetzt noch schnell einen Hut aufgesetzt, der die fettigen Haare verbarg und schon wirkte er so alltäglich, dass er von dem Mann an der Rezeption keines Blickes mehr gewürdigt wurde. Kaum war er außer Sichtweite stellte er sein altes Erscheinungsbild wieder her. Er wollte die anderen schließlich nicht verwirren. So schlurfte er in seinem üblichen Aufzug und einem gegrunzten „Tag“ in den Konferenzraum hinein und ließ sich auf den Stuhl fallen, der am weitesten von Fiera entfernt war. Diese warf ihm einen gereizten Blick zu, stand auf, schloss die Tür mit einem resoluten Knall und ging dann in der sich ausbreitenden Stille wieder zurück auf ihren Platz.

„Jetzt, da alle da sind, können wir ja endlich anfangen“, sagte sie spitz. Die Aufmerksamkeit der anderen war jetzt ganz auf Fiera gerichtet, die es offensichtlich genoss, im Mittelpunkt zu stehen. Sie packte ihr bestes Vokabular aus und schwelgte in einer halbstündigen Dankesrede, bevor sie zum Punkt kam: Der Berichterstattung über ihre Tätigkeiten. Es enthielt überraschend wenig Substanzielles, was Nerds Verdacht bestätigte, dass sie irgendwas großes im Hintergrund laufen hatte. Es konnte ja schließlich nicht sein, dass es ihr Lebensziel war, einzelne Personen hochmütig zu machen! Weshalb er jede Nuance ihres Berichts genau verfolgte. Er hatte auch eine Wanze an sich versteckt, die alles aufzeichnete, was hier drin gesagt wurde. Leider fehlte dadurch die visuelle Komponente, was das spätere Analysieren etwas schwierig machte. Er hatte schon mal mit dem Gedanken gespielt, eine Videokamera einrichten zu lassen. Da jedoch sowohl Fiera, als auch (wie er vermutete) Willa, gute Beziehungen zum Hotelmanager hatten, war ihm das zu riskant erschienen.

Abgesehen von ihrer halbstündigen Rede war Fiera recht schnell fertig und gab das Wort an Willa weiter. Diese stand dazu nicht auf wie Fiera sondern blieb graziös in ihrem Stuhl sitzen. Mit gelangweiltem Gesichtsausdruck berichtete sie in aller Kürze über ihre Tätigkeiten. Vor allem von ihren Partys und Vorkommnissen in ihren Bordellen. Nachdem sie ihren Vortrag beendet hatte, wies sie mit einer lässigen Handbewegung auf einen Stapel Papiere vor sich auf dem Tisch, die sie dann Fiera gab. „Falls ihr noch mehr wissen wollt, ich hab’s aufgeschrieben.“ Anstatt sie herumzureichen, stand Fiera auf und verteilte sie gewissenhaft an alle. Offensichtlich ohne sich bewusst zu sein, dass Willa sie als Dienstmädchen missbrauchte. Aber Willa war schon immer gut im Manipulieren anderer gewesen. Auch anderer Frauen.

Nert betrachtete den Zettel vor sich augenscheinlich nicht, obwohl es ihn in den Fingern juckte, ihn genau zu studieren. Denn ihm war schon beim mündlichen Bericht aufgefallen, dass sie einiges ausgelassen hatte. Bei einer oder zwei Sachen, wie zum Beispiel der mit dem bekannten Politiker, konnte man es darauf schieben, dass sie noch nicht weit genug gediehen waren, um Ergebnisse zu zeigen. Aber das kleine Hotel am anderen Ende der Stadt, das sie gekauft, renoviert und umgestaltet hatte, war schon längst wiedereröffnet und es gab eigentlich keinen Grund es aus ihren Berichten herauszulassen. Aber vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass es auf S/M spezialisiert war. Er würde da etwas tiefer graben müssen, denn meist waren in solchen Unterschlagungen Pläne versteckt, die gegen ihre „Kameraden“ gerichtet waren. Bei Willa war es aber wohl nur eine Möglichkeit durch Erpressung, Bestechung und ähnliches Informationen herauszufinden, mit denen sie die anderen ruhig halten konnte. Wenn sie etwas hasste, dann, wenn ihr jemand bei ihren Plänen dazwischenfunkte. Deswegen hatte sie gerne etwas in der Hand um das möglichst schnell zu unterbinden. In der Hinsicht arbeitete sie sehr ähnlich wie er, hatte aber nicht seinen Vorteil, dass ihn alle unterschätzten. Bei ihr waren sie immer auf der Hut und die üblichen Tricks zogen bei den anderen nicht. Und wenn sie zu funktionieren schienen, steckte meistens etwas dahinter.

Inzwischen war Ira mit seinem Bericht dran, den er recht schwungvoll und mitreißend vortrug. Kein Wunder, er war schließlich der geborene Redner. Er ließ nicht explizit etwas aus, schaffte es aber, über gewisse Punkte so schnell hinweg zu gehen, dass die meisten später noch nicht einmal wussten, dass er es erwähnt hatte.

Nert hatte seinen Zettel inzwischen herumgedreht und kritzelte scheinbar gelangweilt auf der Rückseite herum. In Wirklichkeit machte er sich chiffrierte Notizen, über welche Gruppierung und Pläne Ira hinweghuschte. Bei ihm war das meist ein Anzeichen dafür, dass er dort gerade Schwierigkeiten hatte. Und das konnte man ausnutzen. Vielleicht konnte er ihm über Mittelsmänner unauffällig unter die Arme greifen, so dass er ihm etwas schuldete, ohne es zu wissen.

Aus dem Augenwinkel konnte er beobachten, wie Invidia unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. Vermutlich hatte es etwas damit zu tun, dass sie als nächstes mit dem Berichterstatten dran war. Dieser Verdacht bestätigte sich, als Ira ihr galant das Wort übergab. Sie sprang wie von der Tarantel gestochen auf und ließ dabei fast ihren Merkzettel fallen. Nervös fuhr sie sich durch das Haar, während sie stockend mit ihrem Bericht begann und dabei immer wieder ihren Zettel konsultierte. Trotz dessen verhaspelte sie sich immer wieder, wiederholte einiges und vergaß vermutlich auch einiges. Oder ließ sie es mit Absicht aus und das ganze Theater war nur… nun ja, Theater? Nert war sich da bis heute nicht sicher, obwohl er sie bei jedem Treffen beobachtet hatte. Einerseits konnte er sich kaum vorstellen, dass Invidia so eine gute Schauspielerin war, zumindest wies nichts darauf hin. Andererseits war es erstaunlich, dass sie jedes Mal genauso nervös war wie davor. Müsste sie sich nicht langsam daran gewöhnen? Sie war ihm ein Rätsel.

Aber ein Gutes hatte ihr Auftritt: Sie machte sich immer einen Merkzettel, was sie alles sagen wollte, den sie danach wegwarf. Es war ein Leichtes ihn später aus dem Papierkorb zu holen und in seinem Büro mit der Sprachaufzeichnung zu vergleichen um zu sehen, was sie ausgelassen hatte. Ob absichtlich oder unabsichtlich.

Wenn sie ihnen das vorspielte, dann war sie verdammt gut, da sie richtiggehend Erleichterung auszuströmen schien, als sie sich hinsetzen konnte, da jetzt Vareco dran war.

Dessen Vortrag war das genaue Gegenteil von Iras: so langweilig, dass man dabei einschlafen könnte. Sogar Nert, der wusste, dass es nur ein Trick war um die anderen einzulullen, hatte Schwierigkeiten ihm mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen. Vareco schaffte es, mit so eintöniger Stimme Zahlen und Fakten aufzulisten, dass man keine Lust hatte, ihm zuzuhören, und wenn man es doch schaffte, wurde man daraus nicht wirklich schlau. Zumindest nicht, wenn man nicht gerade Nert hieß und diese Zahlen und Fakten mit Ereignissen verbinden konnte. Aber er würde sich das Ganze später noch einmal genauer anhören müssen, wenn er Zugriff auf seine Datenbank hatte. Vielleicht konnte er sich da auch besser darauf konzentrieren.

So war er recht froh, als Varecos monotone Stimme von Comers enthusiastischer abgelöst wurde. Vor allem, weil es wichtig war, sich auf Comers Vortrag zu konzentrieren. Er war nämlich fast noch schlimmer als Invidias. Allerdings nicht aus Nervosität sondern aus Überschwung. Comer schien alles auf einmal in seinen Bericht quetschen zu wollen, so dass ein furchtbares Durcheinander dabei herauskam. Er sprang scheinbar willkürlich von einem Thema zum nächsten, später wieder zurück, um dann noch mal alles zu wiederholen usw. Es war nervtötend. Aber das war vermutlich der Grund dafür. Verwirrend war auch, dass er scheinbar unwichtige Details betonte und dafür wesentliche Sachen fast unter den Tisch fallen ließ. Normalerweise würde Nert sagen, dass das einfach ein Trick war um davon abzulenken, aber seine Nachforschungen hatten ergeben, dass die Sachen, die er betonte auch wirklich ein wichtiger Teil seiner Arbeit waren. Auch wenn es Nert sehr nutzlos vorkam. Aber wahrscheinlich steckte da irgendein System dahinter, das er noch nicht verstand. Oder Comer dachte einfach sehr komisch.

Comer brauchte ein Weilchen, aber schließlich war auch er zum Schluss gekommen und alle blickten, mehr oder weniger erwartungsvoll, zu Nert. Der tat erst mal so, als ob er es nicht bemerkte und kritzelte weiter auf seinem Blatt herum. Erst als Fiera sich merklich räusperte, sah er auf. „Sind wir schon fertig? Kann ich jetzt gehen?“ fragte er gelangweilt.

Einige konnten ein gehässiges Lächeln nicht verkneifen, dass sowohl gegen seine Dummheit als auch gegen Fieras mangelnde Kontrolle über ihn gerichtet war. Diese merkte das auch und sagte deshalb sehr scharf: „Nicht, bevor du uns nicht auch deinen Bericht gegeben hast!“

Nert zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Die Menschen sind auch ohne mein Zutun faul. Ende des Berichts. Kann ich jetzt gehen?“ Er ließ die anderen immer im Glauben, dass er gar nichts tat. Dadurch, dass er für Trägheit zuständig war, kam er damit sogar durch. Obwohl er sich ein wenig wunderte, dass die anderen nicht misstrauisch wurden, dass er trotzdem so lange „im Amt“ blieb. Denn fürs Nichtstun brauchte man schließlich keinen Vertreter. Aber sie waren wohl so mit ihren eigenen Plänen beschäftigt, dass sie ihn nur oberflächlich im Auge behielten.

Fiera verdrehte die Augen, sagte dann aber mit saurer Miene: „Wenn du sonst nicht noch was hinzufügen möchtest?“ Als er keine Antwort gab, fuhr sie fort: „Dann erkläre ich die Sitzung hiermit für beendet. Nächster Termin ist in einer Woche, gleiche Zeit. Vergesst es nicht!“ Das letzte war vor allem an die zu spät gekommenen gerichtet, die das jedoch wenig störte.

Je nach Veranlagung strömten die anderen schneller oder langsamer hinaus. Nert blieb noch ein wenig sitzen, um zu beobachten, was Invidia mit ihrem Merkzettel machen würde. Wie erwartet knüllte sie ihn zusammen und warf ihn im Hinausgehen in den Papierkorb an der Tür. Jetzt stand auch Nert auf und schlurfte Richtung Tür, wobei er seinen Zettel auch zusammenknüllte, als ob er ihn wegwerfen wollte. Dann schlenderte er hin, bückte sich, und fischte schnell Ividias Zettel heraus und ließ beide in seiner Manteltasche verschwinden. Er hoffte, es hatte ihn keiner beobachtet. Es sah zwar so aus, als ob er der letzte war, aber wer wusste, ob welche von den anderen nicht eine Videokamera eingebaut hatten, um die Sitzung später auszuwerten. Er wollte keine unnötigen Risiken eingehen. Also machte er sich dann in seinem üblichen Trott auf den Heimweg. Es gab viel zu tun.

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Nert wusste nicht, wie recht er hatte. Es war tatsächlich eine Videokamera eingebaut, die die gesamte Sitzung aufgezeichnet hatte. Allerdings war sie von keinem seiner Kameraden eingebaut worden, sondern von dem Mann, der vor einem Bildschirm in einem Zimmer darüber saß und alles beobachtet hatte.

Sein Name war Umiar und zusammen mit seinen sechs Freunden tat er alles, um den Sieben soviel Schwierigkeiten zu machen wie möglich. Und diese hatte keine Ahnung davon.

Ende!

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